Passivkonstruktionen konnte er einem um die Ohren schmeißen, in einem Passivhaus wäre mein alter Lateinlehrer trotzdem nie glücklich geworden. Denn selbst bei eisigsten Temperaturen riss er zu Beginn der Stunde erst mal für ein paar Minuten alle Fenster auf. Ein Passivhaus muss dagegen so gut wie möglich isoliert sein - ist aber durch ein ausgeklügeltes Lüftungssystem trotzdem bestens belüftet.
“Eigentlich muss man ein Diktator sein, um ein Passivhaus korrekt zu führen”, meint Patricia Preikschat, Geschäftsführerin des Zwingenberger Unternehmens SurTec. Trotzdem erlaubt Preikschat es ihren Angestellten, auch mal das Fenster zu öffnen. Ihr Unternehmen war das erste in Europa, das eine Fabrik als Passivhaus errichtet hat - für einen chemischen Betrieb eine besondere Herausforderung. Glücklicherweise darf man gelegentlich auch die Eingangstür öffnen - sonst hätte ich heute nicht so effektvoll ins prächtig begrünte Atrium des Passivhauses einfahren können. Um dort von einer begeistert klatschenden Belegschaft empfangen zu werden. Hier ist der Beweis.
Noch mehr Sympathien wären mir wohl nur mit der Maus-Fahne zugeflogen. Auf vielfachen Wunsch habe ich jetzt endlich Bilder davon online gestellt (hier sind sie).
Das gesamte SurTec-Gebäude befindet sich in einer thermischen Hülle, umfasst aber drei parallele Bauten: Lager, Produktion und Büroräume. Durch die dazwischen liegenden verglasten Räume fällt viel natürliches Licht ein. Als Schallschutz wurde das Lager direkt an die Bahnlinie gebaut. Nach meinen bisherigen Erfahrungen bei der Tour kann ich sagen: So manches Hotel kann sich davon ein Scheibchen abschneiden…
Eine herkömmliche Heizung braucht der Zwingenberger Spezialist für Oberflächenbehandlung nicht. Das Lüftungssystem hält alle Räume angenehm temperiert. So konnte man sich im ersten Betriebsjahr an einem Heizenergieverbrauch von etwa 24 kWh/m²a erfreuen (im Vergleich zu rund 200 kWh/m²a in herkömmlichen Fabrikgebäuden). Wer den Blog aufmerksam verfolgt hat, weiß: Der EcoRider erfüllt nicht den Passivhaus-Standard - aber was wäre auch eine Rad-Tour ohne ehrlich vergossenen Schweiß.
Das war der härteste Tag bisher. Im Sauerland waren zwar auch Berge, aber die meisten Straßen führten dazwischen hindurch. Hier gehen sie mitten hinauf. Ein paar hundert Höhenmeter habe ich heute sicher zurückgelegt. Gleich nach dem Start in Bad Mergentheim ging es gleich mal mehr als 100 Höhenmeter den Berg hoch.
Zur Erinnerung: Der EcoRider wurde in den Niederlanden gebaut. Die höchsten Erhebungen dort sind die Deiche. Trotzdem lassen sich Steigungen bis zu 10 Prozent angenehm bewältigen, wenn auch etwas langsamer. Wird es steiler, wird es eng. Denn: Mit Gepäck und meinem Körpergewicht wiegt der EcoRider an die 200 kg. Die eine Steigung von 18 Prozent hochzuwuchten ist kein Spaß. Auch mit Akkus. Das Vergnügen hatte ich heute. Naja, nach drei Kilometern war ich oben. Da fällt mir ein: Ich hätte vor der Tour meinen Oberschenkelumfang messen sollen.
Trotzdem war ich frohen Mutes. Schließlich hatte ich vorher schon göttlichen Beistand erlangt. In Rot kam mir nämlich eine ganze Schwadron von Kirchgängern entgegen, die ich nach dem Weg und dem Befinden fragte. Sogar eine Nonne war dabei. Da konnte nun wirklich nichts mehr schief gehen. Belohnt wurde ich damit, dass ich im schönen Kirchberg an der Jagst Quartier bezogen habe. Wo auch noch “Hofgaddefeschd” war (so sagte man mir).
Weil die Sonne heute doch mal scheinen durfte, konnte ich auch erste Kärtchen unters Volk bringen. Vor allem an neidische Radfahrer. Und an ein kleines Mädchen, dass von der EcoRider-Form des Kärtchens ganz begeistert war. Hoffentlich hat mein Gefährt jetzt einen Ehrenplatz an einer Pinnwand in Weckelweiler. Oder Amlishagen. Oder in einem anderen der niedlichen kleinen Dörfchen, die nur durch Kieswege miteinander verbunden sind.
Fotos vom Tage gibt es hier.
Ich habe Muskelkater. In den Armen. Vom Wischen. Bei Regen beschlagen nämlich die Scheiben des EcoRiders. Von innen. Und von außen. Ununterbrochen.
Und wie habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet? Mit Sonnencreme. Offensichtlich gehöre ich zu denen, die einzelne Sonnenstrahlen zu sorglosen Cabrio-Fahrten verleiten - und die dann die Suppe auslöffeln dürfen…
Denn sobald ich Würzburg verlassen hatte, lag der Weltuntergang vor mir. Nein, die Grenze nach Baden-Württemberg hatte ich noch nicht überschritten; aber die Wolken taten sich auf. Und wollten sich bis Bad Mergentheim nicht mehr schließen. Volle 50 Kilometer weit. Obwohl die Strecke doch so wunderschön gewesen wäre. Und kaum befahren. Und wer jetzt errät, was am Ende dieses Höllenritts, als ich das Ortschild von Bad Mergentheim passiert hatte, geschehen ist, darf sich über den Gewinn des legendären Maus-Fähnchens freuen.
Das hat jetzt nämlich endgültig ausgedient. Und ist durch einen signalroten Wimpel ersetzt worden, der mir bei der heutigen Fahrt durch die Wasserwand schon wichige Dienste geleistet hat. Kleine Kärtchen in EcoRider-Form habe ich jetzt auch dabei. Zum Verteilen. Nicht zum Schiffchen bauen.