Jetzt ist er also unterwegs, der EcoRider. Und ich auch. Aber im Gegensatz zu mir ist mein liebes Gefährt nicht allein. In der Garage im westfälischen Hamm steht das Liegerad des Hotelbesitzers neben ihm. Und glühen tut er auch, der EcoRider. Nicht vor Liebe, sondern vom Strom, der brav in die Akkus fließt.
Der EcoRider scheint bereit für die lange Reise. In den vergangenen Tagen wurden die letzten Vorkehrungen getroffen, Click-Pedale angebracht, der Scheibenwischer ausgetauscht - und ein hübsches gelbes Fähnchen installiert, das mich von weithin ankündigen wird.
Heute fuhr der EcoRider schon mal von München nach Hamm - in einem von mir gesteuerten Transporter. Weil so ein Ding von mir bisher höchstens wenige Meter bewegt wurde, hatte ich heute sieben Stunden Fahrschule am Stück. Immerhin: Auf dem Weg konnte ich ein wenig den “Live Earth”-Konzerten gegen den Klimawandel lauschen und mich - v.a. im Paderborner Land - schon einmal auf beeindruckend dimensionierte Windparks einstimmen.
Morgen wird der EcoRider endlich auf Westfalen losgelassen. Es geht weiter nach Lippstadt, vorbei an einem stillgelegten Hochtemperaturreaktor, einem Glaselefanten und einem Hindu-Tempel (ja wirklich, mitten in Westfalen).
Das nennt man dann wohl Geschäftssinn. Da holzen die Chinesen konsequent die Wälder am Yangtze-Ufer ab, damit auch ja viel Schlamm gen Meer fließt. Und an der Mündung entwickelt sich dann aus der 618 erstmals aufgetauchten Sandbank Chongming ein hübsches Inselchen von 1.290 km² (1950 waren es noch 600 km²).
Und was machen die findigen Chinesen? Bauen einfach mal eine Stadt auf diese Insel. Ironischerweise soll Dongtan die erste nachhaltige Stadt der Welt werden, versorgt fast ausschließlich von erneuerbaren Energien wie Windkraft, Sonne und Biomasse. Auch bei der Wasserversorgung soll Dongtan autark sein. Von keinem Punkt der energieeffizienten und emissionsarmen Stadt wird man länger als sieben Minuten zu einer Bus- oder Tramhaltestelle brauchen.
Schon zur Expo 2010 im nahen Shanghai sollen dort 25.000 Menschen leben, bis 2040 werden eine halbe Million Einwohner angestrebt. Ein nicht ganz unwichtiges Projekt, schließlich will China in den nächsten 20 Jahren 400 neue Städte errichten.
Und weil Dongtan einfach nur “Oststrand” bedeutet, gibt es gleich noch ein wegweisendes Projekt dieses Namens, nahe der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Dort soll bis 2012 eine Hightech- und Ökosiedlung (genannt “U-Eco City”) für am Ende 250.000 Menschen entstehen. IT soll dort mit neuesten Umwelttechnologien verbunden werden - viel mehr wird noch nicht verraten.
Spötter mögen sagen, das sei alles auf dem Reisbrett entstanden, aber auch der alles verschlingende, schmutzende Raubtierkapitalismus will sich eben nicht länger im eigenen Dreck suhlen.
Da steht er nun, mein neuer bester Freund für die nächsten drei Monate. Und glänzt so knallig neongrün, dass die Fliegen ganz kirre davon werden. Mir ergeht’s aber auch nicht viel besser. Schon als ich vorgestern den ersten Blick auf den EcoRider erhaschen konnte, war ich hin und weg, obwohl ich nur ein paar erste Runden im engen Hinterhof drehen konnte. Die Bedienung scheint gar nicht so schwer zu sein, nur das Bremsen sollte man nicht vergessen. Schließlich sitzt man zwar wie im Auto, bremst aber mit den Händen wie beim Fahrrad. Sobald man schneller fährt, fühlt man sich wie in einem Computerspiel. Nur ein Game Over sollte man hier tunlichst vermeiden.
Vor der TU München in Garching, mit der Black Box (dem Rechenzentrum im Container) im Hintergrund macht sich der EcoRider noch besser. Aber das soll er auch, schließlich wird er hier getauft. Informatikprofessor Arndt Bode erledigt das mit schwungvoller Signatur und geübter Champagnerdusche (wer das wohl wieder sauber machen darf…). Einen Namen habe ich dem EcoRider noch nicht gegeben, aber es ist ein Junge - glaube ich. Vorschläge sind natürlich immer willkommen!
Ein paar Tipps konnte ich auch gleich einholen, von Martin, dem Studenten mit dem gelben Liegedreirad. Nach einer wilden Probefahrt weiß ich: Sein Gefährt ist deutlich leichter und wendiger - aber eben auch ungeschützt vor Wolkenbrüchen und Champagnerduschen.
Demnächst werde ich den EcoRider ausgiebig ausfahren, auch mal mit Höchstgeschwindigkeit und im Straßenverkehr. Aber erst geht er im Transporter auf die Reise nach Dresden, zur International Supercomputing Conference.